Ich und der Rest der Welt

Viele, die sich an der Meditation versuchen, tun das aus einem bestimmten Grund: Sie wollen entspannter, gelassener sein. Sie wollen sich nicht mehr so vom Chef stressen lassen, gelassener mit den Kindern umgehen und Nachts besser oder überhaupt mal schlafen können. Man sucht dann nach Entspannungstechniken, wie autogenes Training oder MBSR und mit ein bisschen Übung wird man schon mal entspannter.

Mir hat das leider nicht so viele gebracht. Jetzt, wo ich noch vieles andere verstanden habe, das Meditieren klarer sehe, kann ich diese Übungen auch besser und effektiver verwenden. Aber damals ging es nicht.  Und vielleicht geht es dir auch so. Was könnte der Grund dafür gewesen sein.

Für mich war es ganz einfach: Es waren nur reine Körperübungen. Der Kopf ist nicht mitgegangen. Die Gedanken waren immer noch genauso stressig wie vorher. Der Chef hat mich immer noch genauso aufgeregt. Das einzige, was sich geändert hat, war nur, dass ich mich schneller beruhigen konnte. Aber der Stressausschlag war genauso hoch wie vorher. Und genauso waren auch die Nächte. Also habe ich mich auf die Suche gemacht, wie ich diese Stresspeaks, dieses sofortige schlagartige Reagieren, verringern könnte. Denn wenn ich das nicht mehr hätte, müsste ich mich auch nicht mehr beruhigen bzw. entspannen.

Schnell bin ich dann auf die drei Geistesgift Neid, Hass und Unwissenheit gestoßen. So kann man gestresst sein, weil man neidisch auf das neue Auto vom Nachbarn ist. Man kann sich gestresst fühlen, weil man all die Leute hasst, die ihren Müll wahllos in der Natur liegen lassen. Die Hundebeutel beispielsweise. Und man kann gestresst sein, weil man etwas nicht versteht. Das weiß jeder, der schon mal in eine Prüfung gegangen ist und nicht gelernt hatte. Aber auch ein Nichtverstehen des Partners kann sehr schnell in Stress ausarten.

Also habe ich die Psychologie der Menschen versucht zu verstehen, den Neid loszulassen und sich über das zu freuen, was ich habe. Das war auch schon mal besser. Aber stressfrei und glücklich bin ich nicht dadurch geworden. Warum nicht? Habe ich zu wenig geübt? Muss ich mehr tun? Viele Buddhisten fangen ja bereits in Kindertagen mit dem Meditieren an und viele bekannte Buddhisten haben jahrelange Retreats hinter sich, um die Gelassenheit und Heiterkeit zu erreichen, die sie ausstrahlen.

Was ich dabei aber übersehen hatte, war Folgendes: Es gibt noch eine Ebene darunter. Das Problem ist, dass es auf der einen Seite mich gibt und auf der anderen Seite den anderen. Ich reagiere, basierend auf beispielsweise Unwissenheit, auf den oder das anderen. Es gibt immer ein, hier bin ich (Subjekt) und da ist der oder das andere (Objekt). Wenn es kein anderen gäbe, wäre vieles leichter. Denn ich müsste ja nicht erst verstehen, warum der andere etwas macht oder nicht macht. Und ich müsste nicht darauf reagieren. Daher ist einer der wichtigsten Ziele im Buddhismus das Einssein. Das Einssein mit allen anderen. Eine Hürde, an der jeder unterschiedlich scheitert. Dabei geht es gar nicht darum und ist in meinen Augen zwar ein Weg, aber keiner mit dem ich warm werden kann. Denn das Bestreben Eins zu sein setzt voraus, dass es mich gibt (Subjekt) und etwas außerhalb von mir (Objekt), mit dem ich Einssein möchte. Wenn ich nichts im Außen hätte, könnte ich mit diesem ja nicht zu Einem werden. Schlussendlich wird dieser Ansatz also nie wirklich zum Ziel führen. (Genauer ist das bei Joko Beck im Buch Einfach Zen im Kapitel Das Subjekt-Objekt-Problem nachzulesen).

Was ist das Ziel?

Die Frage nach dem Ziel ist  eigentlich schon falsch. Denn sobald ich mir ein Ziel setze, fokussiere ich mich auf etwas, das nicht im hier in der Gegenwart bei  mir ist. Und selbst wenn es bei mir ist, assoziiere ich doch oft, wie ich das Ziel erreiche und dieses Erreichen ist in der Zukunft.

Aber mal abgesehen davon geht es um folgendes: Wenn ich bei einer Tätigkeit, die ich gerade ausführe, darüber nachdenke, ob ich Eins bin, trenne ich mich schon wieder von der Tätigkeit. Es ist ein bisschen wie bei Heisenbergs Unschärferelation (https://de.wikipedia.org/wiki/Heisenbergsche_Unsch%C3%A4rferelation): In dem ich etwas beobachte, beeinflusse bzw. verändere ich es.

Es geht daher darum, NICHT darüber nachzudenken, was man tut. NICHT zu bewerten, sondern es einfach tun. Es ist NICHT möglich selbst zu merken, ob man in diesem Zustand ist. Aber man kann merken, dass man NICHT mehr in diesen Zustand ist. Dann benennt man seine seinen Gedanken und wendet sich wieder der Tätigkeit zu. Da dieser Zustand dem Flow ähnlich ist, um nicht gleich zu sagen, dass er genau das ist, nenne ich diesen Blog auch Flow-Coach.

Jetzt aber ein paar Beispiele, um zu verdeutlichen, was ich meine:

Beispiele

  1. Ich fahre mit dem Auto oder dem Fahrrad, gebe mich dem voll hin, und irgendwann realisiere ich, dass ich die letzten Minuten nicht mitbekommen habe, wo ich entlang gefahren bin. Ich war sozusagen auf Autopilot unterwegs. Das ist NICHT das angestrebte Ziel. Es geht darum in der Gegenwart zu bleiben.
  2. Ich fahre Fahrrad, spüre wie die Beine arbeiten, wie ich einen etwas kleineren Gang nehmen sollte, schalte, trete. In meinem Kopf bin nur ich und das Fahrradfahren. Das ist zwar schon besser, aber immer noch nicht das gewünschte. Denn ich denke darüber nach, was ich tue, bewerte, verändere daraufhin. Ich, das Subjekt, schaue auf das Fahrrad fahren, das Objekt. Das ist auch noch NICHT der gewünschte Zustand, aber sehr viel dichter dran.
  3. Ich stehe in der Küche und schneide Gemüse, hole die Pfanne raus, tue etwas Öl rein, gleichzeitig öffne ich den Ofen und lege ein Baguette hinein. Dabei nehme ich die angerösteten Pinienkerne aus der kleinen Pfanne. Alles läuft wie automatisch. Ich denke nicht darüber: „Die Pinienkerne sind jetzt fertig, ich muss sie aus der Pfanne nehmen.“ Ich tue es einfach. Alles passiert automatisch, es fließt, es ist im Flow. Das ist der Zustand, den ich erreichen sollte.

Eine gute Übung im Alltag öfters diesen Zustand zu erreichen, ist, sofern die Tätigkeit es zulässt, die Dinge einfach zu benennen. Mit einem einzigen Wort. Einfach benennen, was man sieht oder hört oder fühlt, schmeckt, riecht oder denkt.

Übung

Wenn du das nächste Mal unterwegs bist, egal, ob das im Auto, auf dem Fahrrad oder in der S-Bahn ist, benenne das, was du siehst. Immer dreimal und ohne Unterbrechung. Dadurch hältst du dich im Hier und Jetzt, denkst aber nicht  darüber nach.

In deinem Kopf könnte es dann so ablaufen: „Baum, Baum, Baum, Schild, Schild, Schild, Hupen, Hupen, Hupen, Rot, Rot, Rot, Mann, Mann, Mann, Kind, Kind, Kind,….“ Versuche möglichst neutrale Begriffe zu wählen: „Hässlicher Mann“ wäre eine Bewertung. Das sollte nicht passieren. Versuche es neutral zu formulieren.

Und vielleicht ist das Brüllen deines Chefs dann irgendwann einfach nur „Geräusch, Geräusch, Geräusch.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.